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Die Afrika-Tour - Seite 11 von 11

10. Etappe (Februar/März 1991): Bulawayo (Zimbabwe) - Kapstadt (Südafrika)

Kap Agulhas, der südlichste Punkt Afrikas

Der Gegenwind ist so stark, daß wir mit äusserster Kraft dagegen antreten müssen, wenn wir nicht zum Stehen kommen wollen. Der Kilometerzähler springt auf 21105 km - und wir stehen endlich am südlichsten Punkt Afrikas, dem Kap Agulhas - auf die Stunde genau ein Jahr, nachdem wir in Tunis den Kontinent betreten hatten. Der Sturm, der in der Nacht über unser Zelt braust, hält auch am nächsten Tag an und macht die letzten 250 Kilometer bis Kapstadt zu einem Kampf. Nachdem wir bei einer netten Familie gut untergekommen sind, gibt es Zeit genug, ein wenig zu reflektieren.

Die letzten 300 Kilometer in Zimbabwe führten durch dünnbesiedeltes, trockenes Buschland. Die wenigen Farmer hier klagen über ausbleibende Niederschläge: Kein Wunder, daß das Gebiet kürzlich zur Halbwüste erklärt wurde. Ausgerechnet an meinem Geburtstag passieren wir unsere letzte Grenze, den Limpopofluss, nach Südafrika. Die Sperranlagen erinnern - mit Ausnahme der Krokodile im Limpopo - an alte innerdeutsche Zeiten. Die Fluchtbewegung ins wirtschaftlich wesentlich besser dastehende Südafrika ist dennoch gewaltig, und jeden Tag werden Hunderte von Menschen zurück an die Zimbabwe-Grenze gebracht.

Der Unterschied im Lebensstandard ist - besonders aus der Sicht eines Radfahrers - in der Tat riesig. Staunend stehen wir wenig später im Eingang einer der selbst nach europäischen Massstäben gut sortierten Supermärkte, von denen es jetzt genug entlang der Strecke gibt. Die Versorgungsschwierigkeiten scheinen endgültig zu Ende sein. Dazu kommt die fast unglaubliche Gastfreundlichkeit. Das Geburtstagsessen nehmen wir im Wohnwagen einer älteren Dame ein. Campen ist sehr populär in Südafrika, und nicht wenige Menschen haben ihren festen Wohnsitz zur Umgehung teurer Mieten in Caravan-Parks aufgeschlagen. Übernachtungen sind kein Problem, zumal schwerbepackte Fahrräder nicht zum Alltagsbild in Südafrika mit seinen riesigen Entfernungen gehören. Wenn wir nicht schon von der Straße weg eingeladen werden, sind wir auf Farmen und Polizeistationen jederzeit willkommen. Einmal schlafen wir sogar im Hotel, mit Vollpension, aber zum Nulltarif. Dafür erzählen wir von unserer Reise durch Afrika, den Südafrikanern durch Einreiseverbote in fast allen afrikanischen Ländern ein weitgehend unbekannter Kontinent.

Schneller zum Ziel: Auf der Autobahn bei Johannesburg

Nach Johannesburg hinein nehmen wir der Einfachheit halber die Autobahn. Von der Polizei gestoppt, dürfen wir aber nach einem kurzen Reisebericht mit der Bitte um Vorsicht weiterfahren. Die Goldminenstadt erschlägt uns im ersten Moment fast mit Wolkenkratzern und Verkehr, bevor wir uns nach ein paar Tagen wieder an das aus Frankfurt ja nicht unbekannte Großstadtleben gewöhnt haben.
Ein Ausflug in das schwarze "Township" Soweto, bekannt durch nicht endende Gewalttätigkeiten, zeigt Südafrika von einer ganz anderen Seite: Zwar ist die Apartheid-Politik offiziell abgeschafft worden, und Schwarze dürfen sich jetzt auch in den vorher Weissen vorbehaltenen Gebieten niederlassen, aber der Grossteil lebt noch immer in Soweto, und das sind mehr Menschen als im ganzen Stadtgebiet von Johannesburg. Eine Grossstadt am Rande der Grossstadt, in der es von den schmutzigen Slums bis hin zur Villa des ANC-Führers Nelson Mandela alles gibt.
Viele der Weissen sind einer Regierungsbeteiligung der Schwarzen durchaus nicht mehr abgeneigt - in diesem Land mit absoluter schwarzer Bevölkerungsmajorität war die weisse Alleinherrschaft eine bisher paradoxe Realität. Auf den Farmen allerdings machen wir oft Bekanntschaft mit der traditionell erzkonservativen Haltung der Buren, die meist jede schwarze Einmischung aus Angst vor Zwangsenteignungen der Weissen nach sambischem Muster ablehnen und sogar einen Bürgerkrieg gegen eine gewählte schwarze Regierung nicht ausschliessen würden. Der Separatismus geht so weit, daß eine Mutter ihrer Tochter verbietet, eine schwarze Schulkameradin aus der neuerdings ohnehin gemischten Schule nach Hause zu bringen.
Die Apartheid in den Köpfen ist geblieben. In Johannesburg sehe ich nachts, wie ein hilfloser "Kaffer" (Schimpfwort für einen Schwarzen) brutal zusamrnengetreten wird, weil er bei einem Autoeinbruch erwischt wurde. Der Hass in den Gesichtern seiner jugendlichen, weissen Peiniger sagt mehr als alles Gerede über das Ende von Apartheid. Die fortschreitende Unterdrückung durch die Weissen hat die Fronten verhärtet und emotionalisiert, so dass für vernünftige Verhandlungen eine sachliche Ausgangsposition fehlt.

Von Johannesburg, Hauptstadt der Provinz Transvaal, radeln wir an so vertrauten Städtenamen wie Heidelberg und Frankfurt, von Deutschen gegründete Siedlungen, vorbei über die anstrengenden Drakensberge, nach Durban. Die Hauptstadt der Provinz Natal Iiegt wieder am Indischen Ozean, und dementsprechend ist das Klima feucht und heiss. Das ändert sich jetzt aber schlagartig, als wir über Port Elizabeth in die Kap-Provinz fahren. Entlang der sogenannten "Garden Route", die mit Nadelbäumen und Heidekraut sehr an Europa erinnert, wird es nachts schon empfindlich kalt.

Den Wendekreis des Steinbock hatten wir vor über 1000 km passiert, und so weit im Süden bekommen wir die Jahreszeit, den Herbst, zu spüren. Tagsüber ist es warm und trocken, und so dienen uns die traumhaften Strände an der Südküste des Kontinents als erfrischende Rastplätze. Wir durchradeln die "Homelands" Transkei und Ciskei, ähnlich den Townships sehr fragwürdige Gebilde, die, mit eigener Regierung und Landesgrenzen versehen, den Schwarzen eine Zwangsheimat sein sollten. Durch jahrelang betriebene Misswirtschaft und fehlende Unterstützung durch Südafrika ist ein Grossteil der Böden in der äusserst bergigen Transkei ausgelaugt oder durch Erosion weggespült worden, der Lebensstandard ist zum Teil niedriger als in anderen afrikanischen Ländern.

Südafrika hinterlässt sehr widersprüchliche Gefühle und Eindrücke. Auf der einen Seite die unglaubliche Freundlichkeit der Weissen uns Weissen gegenüber, deren Großteil passiv oder aktiv jahrzehntelang ihre schwarze Mitbevölkerung unterdrückt und zum eigenen Vorteil ausgenutzt hat. Denke ich andererseits zurück an die vielen schwarzen Menschen, die uns in den zwölf Monaten unserer Afrikadurchquerung aufgenommen und geholfen haben, beschleicht mich manchmal ein Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der immer noch weitgehend intakten Vorbehalte gegen sie.
Eine Hoffnung ist, daß die Weissen Südafrikas mit der Aufhebung von Sanktionen in schwarzafrikanische Länder reisen können und wie wir ein wenig von Mentalität und Lebensweisen der Menschen dort mitnehmen kännen, um zu lernen, was für ein friedliches Miteinander aller Südafrikaner von entscheidender Bedeutung ist: Die Bereitschaft zur Toleranz.

Am Ziel: Kap der Guten Hoffnung

Südafrika hat sich seit unserer Ankunft im März 1991 verändert wie kaum ein anderes Land der Welt. Die Entwicklung vom gescholtenen und gemiedenen Apartheid-Staat zum demokratischen Vielvölkerstaat mit seinem einmaligen Reichtum an Kulturen und Landschaften ist wirklich atemberaubend. Von allen Ländern Afrikas, die wir durchquerten haben, ist Südafrika sicher das vielfältigste. Gleichzeitig ist die Infrastruktur - auch nach europäischen Masstäben - sehr gut und das Reisen im südlichen Afrika daher sehr angenehm.

Jens und ich leben seit 1993 fest in Kapstadt. Südafrika ist unsere neue Heimat geworden. Wir haben unseren Entschluss, hier zu leben, nie bereut. Im Gegenteil: Bei unseren abendlichen Radtouren am Tafelberg und am Strand entlang, und bei jeder unserer Reisen, die wir im südlichen Afrika durchführen, stellen wir immer wieder dankbar fest, wie gerne wir hier leben, am schönsten Ende der Welt.

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