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Die Afrika-Tour - Seite 10 von 11

9. Etappe (Dezember 1990/Januar 1991): Mombasa (Kenia) - Bulawayo (Zimbabwe)

Angriff am Lake Manyara in Tansania: Ein Löwe, viele Büffel

Die Fahrt von Mombasa in Kenia nach Dar es Salaam (Tansania) war sehr anstrengend gewesen.
Vom Asphalt ist entweder nicht mehr viel übrig, oder es handelt sich ohnehin um Sandpisten. Dazu das fast unerträglich feucht-heiße Klima sowie Schwärme von TseTse-Fliegen, die unseren Windschatten nutzten, um von dort aus ungestraft zuzustechen. Da nützt auch kein noch so schnelles Treten mehr, wir entgehen den schmerzhaften Stichen nicht.

Etwa vier Stunden mit dem Motorschiff ist die zu Tansania gehörende Insel Zanzibar von der Hauptstadt Dar es Salaam entfernt. Einen harten Gegensatz zu der verwinkelten Altstadt mit den langsam vorfallenden Holzbalkonen und messingbeschlagenen Türen bilden die langen, hässlichen Wohnblocks, die, in den 60er Jahren mit DDR-Mitteln erbaut, ein Musterbeispiel sozialistisch-uniformer Bauweise darstellen. Der Rest von Zanzibar besteht aus endlosen Palmenhainen, in deren Schatten die Nelkensträucher und andere Gewürze wachsen, und aus langen, wenig bevölkerten Sandstränden. Die Zanzibaris sind sehr gastfreundliche und hilfsbereite Menschen, stolz auf ihre Insel und äußerst kinobegeistert. Die Atmosphäre in dem drückend heissen Kinosaal erinnert an eine Box-Veranstaltung. Schläge, Schüsse und Tote in amerikanischen Actionfilmen und indischen Seifenopern werden laut beklatscht und diskutiert. Da macht es dann auch nichts, daß der Vorführer mal die falsche Rolle einlegt, die Story ist zweitrangig, solange genug passiert auf der Leinwand.

Jens und ich überholen unsere arg strapazierten Räder, und weil wir gerade dabei sind, reparieren wir auch das Rad eines Einheimischen, angesichts der Ersatzteillage auf der Insel ein fast hoffnungsloser Fall, aber wir tun, was wir können. Als wir das Rad vor den vielen Zuschauern endlich wieder zum Rollen gebracht haben, ist der Junge überglücklich und lädt uns zum Essen nach Hause ein. Der Vater, ein ehemaliger Radrennfahrer, ist mächtig stolz.

Zurück auf dem Festland, nehmen wir die Durchquerung Tansanias in Angriff, keine leichte Etappe, denn von der Küstenebene geht es jetzt stetig berauf Richtung Sambia. Einige Male fühlen wir uns fast nach Deutschland versetzt: Tannen und Wiesen wie im Schwarzwald, und der Geruch der Tannenzapfen erinnert an Weihnachten zu Hause, ein bisschen davon holen wir am Straßenrand nach. Ein deutscher Arzt aus Tansania versorgt uns mit Lebkuchen! Sambia und das angrenzende Zimbabwe bestehen überwiegend aus auf- und absteigenden Plateaus, wegen der Höhe (um die 1300 Meter) ist das Klima recht erträglich. Es gibt fast nichts zu kaufen, und so bestehen unsere Mahlzeiten meist aus Bananen und Mais. Die Strasse durch das einsame Buschland wurde erst 1975 gebaut und ist daher noch recht gut, das Verkehrsaufkommen minimal, etwa alle vier Stunden ein Auto. Nachdem unser Zelt nachts sogar direkt neben der Polizeistation angeschnitten worden war, ziehen wir es vor, in den Klassenräumen der verstreut liegenden Schulen oder bei Farmern zu übernachten, die oft schon in der dritten Generation das Land bestellen. Viele haben allerdings Sambia verlassen, seit das Land einen beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang erlebte, und das trotz der immensen Kupfervorkommen im Nordwesten des Landes, deren Erträge je zur Hälfte auf den Konten der beteiligten englischen Minengesellschaften und denen des Präsidenten landen. Schuld ist aber sicher auch der gesunkene Kupferpreis.

Bemerkenswert ist die wegen der Guerillabewegungen bestehende latente Angst vor Spionen im ehemaligen Rhodesien. Nicht nur, daß in unserem Gepäck an der Grenze jeder Brief und jede Pillendose auf verdächtiges Material durchsucht wird, in der Hauptstadt Lusaka rät man mir in einem Cafe dringend, mein Tagebuch woanders weiterzuschreiben, ich mache mich als Spion verdächtig. Selbst der sonnenschützende Turban scheint im Hinblick auf den gerade ausgebrochenen Golfkrieg verdächtig. Am Stadtrand von Lusaka laufen zwei Gestalten "Spion" schreiend hinter mir her und schneiden Teile meines Gepäcks mit einem Messer ab, ich stürze, ein Auto hält, der Fahrer hilft mir auf, mein Gepäck bekomme ich von den beiden wieder und radle auf Rat des Fahrers schleunigst weiter. Das alles passiert am hellen Tag, niemand am Straßenrand macht einen Versuch, einzugreifen. Überfall oder politischer Akt? Wir sind froh, als wir bei Livingstone die Grenze nach Zimbabwe passieren.
Nicht lange jedoch, denn der Grenzbeamte im ehemaligen Süd-Rhodesien verweigert uns die Einreise, weil wir kein Rückflugticket besitzen und unsere Finanzmittel ihm nicht ausreichend erscheinen. Also zurück nach Sambia? Ohne Visum? Kein schönes Gefühl, so zwischen den Grenzen zu stehen.
Der Beamte scheint unerweichlich zu sein. 14 afrikanische Grenzen haben wir hinter uns gebracht, und jetzt soll die Reise an den Victoria Fällen zu Ende sein? Eine Adresse in der Hauptstadt Harare und unermüdliches Betteln retten uns schließlich, der Schlagbaum öffnet sich. Von einem anderen Reisenden erfahren wir wenig später, daß er weder Geld noch Flugticket vorlegen musste. So ist Afrika, es gibt keine Regeln, alles ist möglich, nur der richtige Moment zählt.

Die Victoria-Fälle entschädigen für den Schock: Auf einer Länge von 1,7 Kilometern stürzt der Sambesi-Strom bis zu 110 Meter in die Tiefe, ein gewaltiger Anblick. Mehrere hundert Meter hoch steigt der Wassernebel und unterhält gleichermassen Regenbogen und Regenwald an den Klippenrändern.

Auch der Magen kommt endlich wieder auf seine Kosten. Es gibt gleich zwei Supermärkte, und einen Tag nach unserer Ankunft sind die Joghurt-Regale in der Stadt leer. Solchermassen gestärkt, bereiten die 500 Buschkilometer bis Bulawayo, auf denen es mal wieder so gut wie nichts gibt, wenig Schwierigkeiten, zumal die Straße europäischen Standard besitzt. Wegen der Höhe verbrennt mir die Sonne, auf dem Rückzug vom südlichen Wendekreis zum Äquator, senkrecht von oben die Handrücken, aber ein paar zu Handschuhen umfunktionierte Strümpfe schaffen Abhilfe.
Auch das Rad zeigt nach 20000 Kilometer Abnutzungserscheinungen. Felgennieten und Tretlager sitzen nicht mehr so fest wie zu Beginn der Reise. Noch 400 km sind es bis zur südafrikanischen Grenze.Beruhigend, denn hier wird wieder alles, auch Fahrradersatzteile, zu bekommen sein. Und dann nochmal 2500 Kilometer bis zum Ziel.

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