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Die Afrika-Tour - Seite 9 von 11

8. Etappe (Oktober/November 1990): Kampala (Uganda) - Mombasa (Kenia)

Das Mondlicht hebt die Felsen scharf gegen den blauen Nachthimmel ab. Es ist eiskalt, vielleicht 15 Grad unter Null. Der neugefallene Schnee verteilt das Licht gleichmäßig hell über das endlos steile Geröllfeld. Taschenlampen brauchen wir nicht, dafür umso nötiger Wollmützen und Handschuhe gegen die schneidende Kälte.

am Ende: Auf dem Gipfel des Kilimanjaro

Die Rede ist noch immer von Afrika. Wir befinden uns knapp unterhalb des Äquators, allerdings fast 5000 Meter hoch. Noch 800 Höhenmeter bis zu Afrikas höchstem Gifpel, dem Kilimanjaro, einem riesigen, erloschenen Vulkan. Die Luft ist äusserst dünn geworden, fast jeder aus unserer kleinen Gruppe ist höhenkrank. Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit machen die letzten Meter zur Tortur, jeder Schritt kostet Überwindung, und besonders Jens und mir setzt die Eiseskälte nach acht Monaten afrikanischer Hitze zu. Dann, bei Sonnenaufgang, sind wir oben. Gletscher und bizarre Eiskaskaden blitzen um uns herum auf. Endlos wandert der Blick über Kenia und Tansania, tief unter uns. Die wärmenden Sonnenstrahlen lassen Anstrengung und Schwäche für einen Moment vergessen, bevor wir uns über endlose Geröllserpentinen auf den Weg zurück zur letzten Hütte machen. Die Zeit drängt, eine Stunde später verschlucken die Wolken schon wieder alles. Mit jedem Meter nimmt der Luftdruck wieder zu und der Kopfschmerz ab, und so beeilen wir uns mit dem Abstieg. Drei Tage hatte der Aufstieg durch alle Klimazonen, von dichtem Dschungel über fast heimisch anmutende Heideflächen bis hin zur Stein- und Geröllwüste, gedauert. Ganz billig ist der Ausflug in den ewigen Schnee nicht: Über 200 DM pro Person kostet allein der Eintritt von tansanischer Seite aus, dazu kommen noch zwei obligatorische Führer, die allerdings mehr mit ihrem eigenen Kreislauf beschäftigt sind als mit ihren Schützlingen, sowie Träger, auf die wir aber verzichten. Ehrensache: schliesslich haben wir unser Gepäck von Bad Soden bis hierher auch selbst transportiert.

Halbzeit: Am Äquator in Uganda

Vier Wochen zuvor waren wir von Ugandas Hauptstadt Kampala in Richtung Kenia aufgebrochen. Am Victoria-See entlang, den sich Uganda, Kenia und Tansania teilen, stösst man bei Jinja auf die eigentliche Nilquelle. Hier, am nördlichen Ende des Sees, beginnt der längste Strom Afrikas träge seine tausende Kilometer weite Reise ins Mittelmeer, über das wir vor mehr als acht Monaten den Kontinent betreten hatten. Zum dritten und letztenmal überqueren wir, jetzt bereits in Kenia, den Äquator. Die Versorgungslage in dem wohl am weitesten entwickelten Land Ostafrikas macht die gewichtsträchtige Vorratshaltung der letzten Monate unnötig. Milch, Brot und Bier gibt es in jedem Dorf zu kaufen. Steil steigt die Strasse hinter dem Victoria-See an, auf die angenehm kühle und trockene kenianische Hochebene. Durch endlose Teeplantagen hindurch strampeln wir, zusammen mit der Eisenbahn, die neben uns nicht weniger schnaufend kämpft, bis zum mit 2600 Metern höchsten Punkt der Strecke, bevor die Strasse steil abfällt in den ostafrikanischen Graben, das "Rift Valley", Teil einer gewaltigen Störungszone der Erdkruste, die sich von Vorderasien bis nach Mozambique zieht.

Warnung vor der Durchquerung des Mikumi Nationalparks in Tansania

Kenia und Tansania, da denkt wohl jeder zuerst an die vielen Nationalparks, von denen wir auf unserer Route durch Ostafrika einige streifen. Für die an Autos gewöhnten Tier an der Strasse sind die zwei einsamen Radler ein mindestens ebenso ungewöhnlicher Anblick wie die Giraffen für uns. Die Paviane sind weniger ängstlich, und wir müssen ganz schön in die Pedale treten, um die frechen Verfolger abzuschütteln. Eines Nachts, am wunderschönen Naivasha-See im Rift Valley, werden wir von ungewohnten Geräuschen geweckt: Eine Flusspferdfamilie beim nächtlichen Landgang stampft unweit unseres Schlafplatzes vorbei. Nicht auszudenken, wenn unser dunkles Zelt von den tonnenschweren Besuchern übersehen würde.

Nachdem wir das Rift-Valley auf der Ostseite wieder verlassen haben, erreichen wir Kenias Hauptstadt Nairobi, 1600 Meter hoch gelegen. Christliche Kirchen, indische Tempel und Moscheen stehen eng nebeneinander, und genauso international ist auch die Küche. Sogar ein deutsches Restaurant ist dabei, Erinnerungen an Togos Hauptstadt Lome. Umgeben ist die moderne Hochhaus-City von unzähligen Slums, von denen in regelmässigen Abständen einige dem Erdboden gleichgemacht werden, ohne dass für die mittellosen Bewohner Ersatz geschaffen würde. In einem Gespräch mit Schülern erfahre ich erstaunt, daß solche Aktionen durchaus bekannt sind und nicht zuletzt in der Presse diskutiert werden, ein für ein afrikanisches Land nicht selbstverständlicher Vorgang. Von der quirligen Grossstadt radeln wir durch die Masai-Steppe nach Tansania. Die Masai, ein Nomaden- und Kriegervolk, wurden Anfang des Jahrhunderts nach und nach aus dem fruchtbaren Norden in die trocken-heisse Steppe im Süden gedrängt, wo sie heute unverändert stark mit ihren Traditionen verbunden leben, weitab jeden Fortschritts. Es sind schöne, grosse Menschen, mit riesigen Löchern in den Ohren, bunt geschmückt am ganzen Körper. Tansania ist - wirtschaftlich gesehen - in wesentlich schlechterer Verfassung als Kenia. Die langsame Abkehr von Sozialismus läßt schrittweise Privatisierung und Investitionen zu. Die Inflationsrate ist sehr hoch, der Kurs ändert sich beinahe jeden Tag - und das Sattelrohr am Rad vermag die dicken Geldbüschel, die wir für die Wiedereinreise nach Tansania durch Kenia hindurchschmuggeln, nicht mehr aufzunehmen. Schuhe und Unterhose bieten sich da als Ausweichquartiere an. Den schönsten Schlafplatz auf dem Weg zur Küste gibt eine Station der kenianischen Eisenbahn ab, die bestunterhaltene im ganzen Land, wie uns der stolze Bahnwärter anhand von drei goldenen Plaketten über dem Eingang zeigt. Das Vordach teilen wir uns mit den Fledermäusen. Morgens wird uns das aus englischer Kolonialzeit stammende Zugsicherungssystem vorgeführt, das jedes Eisenbahnerherz höher schlagen lässt: Mittels Telefonleitungen entlang der Strecke wird ein Schlüssel in einem Sicherungskasten freigegeben, den der Bahnwärter dann gegen einen anderen mit dem vorbeifahrenden Lokführer durch gezielte Würfe tauscht, bevor er mit dem neuen Schlüssel Signal und Weichen öffnen kann. In seiner Vorführbegeisterung vergisst der stolze Wärter ganz, den wartenden Gegenzug abfahren zu lassen...

Am 11. November erreichen wir endlich Mombasa. Nach über 6000 Kilometern quer durch Afrika vom Atlantik in Kamerun zum Indischen Ozean in Kenia. In Mombasa ist der indische und arabische Einfluß unübersehbar. Viele Asiaten leben hier schon in der dritten Generation und haben einen Grossteil des Geschäftslebens fest in der Hand. Jens und ich ziehen uns aus der feucht-heißen Stadt bald an den Strand zurück, um für die letzten 6000 Kilometer bis Kapstadt aufzutanken. Korallenriff und weisse Palmenstrände, es ist wirklich wie im Bilderbuch. Ein paar Kilometer weiter die nach außen abgeschotteten Touristenhotels, deren Pauschalgäste nie das wahre Afrika zu Gesicht bekommen werden. Das Thermometer zeigt über 30 Grad und trotzdem ist morgen der zweite Advent. Fröhliche Weihnachten!

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