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Die Afrika-Tour - Seite 8 von 11

7. Etappe (September/Oktober 1990): Kisangani (Zaire) - Kampala (Uganda)

Seit unserem Wiedertreffen in Kisangani radeln Jens und ich auf einer Teerstrasse, die von einer deutschen Firma langsam und unter äusserst schwierigen Bedingungen weiter in den endlos sumpfigen Urwald vorangetrieben wird. Das makellose Asphaltband hat etwas Unwirkliches in dieser Umgebung, unterstützt noch durch deutsche Schilder, die im vertrauten Schwarz auf Gelb das nächste Dorf ankündigen. Dass es, von Baustellenfahrzeugen abgesehen, praktisch keinen Verkehr auf dieser Strasse gibt, ist für uns Radler zwar sehr angenehm, zeigt aber den zweifelhaften Effekt solcher Entwicklungsprojekte, die dem Wohle der deutschen Wirtschaft wahrscheinlich dienlicher sind als dem der zairischen Urwaldbewohner, die ausser Holzkarren, Fahrrädern und aus weggeworfenen Blechdosen kunstvoll angefertigten Spielzeugautos ohnehin keine Fahrzeuge besitzen. In ferner Zukunft soll diese Strasse zwar den wichtigen Flusshafen Kisangani mit dem Osten Afrikas und den Seehäfen Mombasa und Dar es Salaam verbinden, aber selbst die deutschen Straßenbauer sehen diese Zukunft eher pessimistisch. Bis zur Fertigstellung der noch fehlenden Asphaltstücke werden noch Jahre vergehen, und bis dahin wird wegen mangelnder Wartung der Strassenanfang bereits wieder verfallen sein. Wie das aussieht, davon können wir uns nach einem kurzen Stärkungsaufenthalt im Camp der Deutschen selbst überzeugen: Wenige Kilometer hinter dem Camp geht der Asphalt wieder in einen morastigen Dschungelpfad über, der die Reste einer früheren Strasse aus Belgierzeit markiert. Auf den folgenden 40 Kilometern kommt man schon seit Jahren nur noch zu Fuss durch, und so schieben und tragen auch wir unsere Räder die steilen und matschigen Urwaldberge hoch und runter. Die Überquerung der unzähligen Flüsse auf einem einzigen, rutschigen Baumstamm ist jedesmal ein spannender Balanceakt.

Schlammschlacht: Im Regenwald im Osten Zaires

Einen ganzen Tag lang dauert so die Durchquerung der Urlandschaft, bevor wir, vollkommen erschöpft, für einige Kilometer wieder in die Zivilisation eintauchen: Ungläubig stehen wir vor nagelneuem Asphalt, der im Nichts beginnt und dort auch wieder verschwindet, genau wie der chinesische Bautrupp, nachdem er seinen Beitrag zur internationalen Entwicklungshilfe geleistet hat.

In einem grossen Krankenhaus, in dem sogar deutsche Ärzte arbeiten, hängen Aids-Warnplakate im Flur vor dem Behandlungszimmer, daneben warten gebrauchte Spritzen und Tupfer in einem Topf auf ihren nächsten Einsatz. Im Urwald werden gleichzeitig milliardenschwere Geisterstraßen aus dem Boden gestampft...

Immer bergiger wird das Gelände im Osten Zaires, die Piste klettert mehrere Pässe hinauf und leider auch wieder hinunter mit großartigen Ausblicken auf den endlosen Urwald, bevor wir über den 2600 Meter hohen Kahuzi-Biega Pass das zentralafrikanische Becken nach über 4000 Kilometer feucht-heisser Dschungelfahrt endlich hinter uns lassen.

Unterhaltung mit einem "Dorfbewohner"

Sofort ändert sich das Klima, es wird kühler und trockener, nachts krieche ich fröstelnd in den Schlafsack. Ein angenehmes, fast vergessenes Gefühl. Hier, in den Bergen am Kivu-See an der Grenze zu Ruanda, leben in den Bambuswäldern die letzten Berggorillas der Erde. Der astronomisch hohe Eintrittspreis von über hundert US-Dollar hält uns von deren Besichtigung ab. Stattdessen machen wir auf der Forschungsstation Bekanntschaft mit einem Schimpansen, der uns um einige Avocadofrüchte erleichtert, die er anschliessend mit einer ebenfalls entwendeten Fanta vor unseren Augen hinunterspült. Nach den Strapazen und Hungerzeiten der letzten Wochen sind wir beim deutschen Plantagenleiter einer Pharmafabrik in Bukavu, die Chinin zur Malariabekämpfung verarbeitet, zu Gast. Der überwältigende Ausblick aus seinem Haus über das Wasser des Kivu-Sees auf die letzten Berge Zaires, erinnert eher an den Genfer See, als an Afrika. Beim Baden allerdings sollte man vorsichtig sein. Von einem Bootssteg aus springen wir direkt ins kühle Nass, um Bodenkontakt zu vermeiden, denn hier hält sich, wie in vielen anderen Gewässern Afrikas, eine Schneckenart auf, die die lebensbedrohliche Billharziose, eine Wurmerkrankung, übertragen kann.

Zusammen mit der Sahara stellte Zaire sicherlich die bislang härteste Etappe dar. Aber während ich gerne an die uneigennützige Aufgeschlossenheit der Wüstenbewohner zurückdenke, bleiben von Zaire nur wenig gute Erinnerungen. Bei den meisten Begegnungen stellen sich nach kurzer Zeit finanzielle Interessen ein, die Korruption ist nicht Ausnahme, sondern Dauerzustand, und nicht zuletzt der Gedanke an mein fehlendes Gepäck lässt ein Gefühl der Erleichterung auf kommen, als wir Zaire nach sechs Wochen verlassen.

African Bikers in Ruanda

Ruanda, das "Land der tausend Hügel", ist eine Herausforderung an uns Radfahrer. Ständig wechseln sich kilometerlange Steigungen mit ebensolchen Gefällstrecken ab; auf der Landkarte bewegt man sich keinen Millimeter weiter. Dafür brauchen die hiesigen Strassen den europäischen Vergleich nicht zu scheuen, was die überladenen Busse allerdings zu geradezu todesmutigen Überholmanövern anzustacheln scheint. Ein wenig lästig sind auf Dauer auch die Kinderhorden, die uns mit lautem Geschrei von jeder Hütte aus hinterherlaufen, aber als "Musungu", und dazu noch auf dem Rad, ist man in diesen Breiten so etwas wie ein Ausserirdischer. ("Musungu" = Weisser" in der ostafrikanischen Suaheli-Sprache). Kigali ist eine grüne, ruhige und erstaunlich gut funktonierende Hauptstadt. Die Organisation des Flughafenzolls dagegen bietet einen hervorragenden Einblick in die hohe Schule afrikanischer Verzögerungskunst:

Um an die neuen, dringend benötigten Ersatzteile, von meiner Mutter aus Bad Soden schnell und zuverlässig nach Kigali geschickt, zu gelangen, sind wir drei Stunden damit beschäftigt, von etwa 15 sich gegenseitig behindernden Stellen Unterschriften einzuholen, Fotokopien zu machen und Blaupapier zu besorgen, für dessen Beschaffung hier der Abholer zuständig ist. Gerade rechtzeitig vor dem wohlverdienten Feierabend für die völlig überforderten Beamten, halte ich das ersehnte Paket dann tatsächlich in der Hand, und das aber auch nur wegen der Mitwirkung der Botschaftssekretärin, bei der wir wohnen, sowie einem entsprechenden Empfehlungsschreiben. Bevor wir uns auf den Weg ins benachbarte Uganda machen, am Victoria-See entlang im Linksverkehr, schauen wir uns die Sendestation der Deutschen Welle in Kigali an, die von hier aus Programme in alle Welt ausstrahlt und über die auch wir, kaum zwölf Stunden aus Ruanda ausgereist, die Bestätigung für sich häufende Gerüchte über einen beginnenden Bürgerkrieg in dem zentralafrikanischen Bergstaat erhalten.

Ganze Lastwagenladungen von bewaffneten Soldaten waren uns im Süden Ugandas, tatenlustig grüssend, entgegengekommen. Die Grenzen Ruandas sind mittlerweile geschlossen. Einen Tag später, und wir hätten festgesessen. Wie fast alle Konflikte in Afrika, hat auch dieser seinen Ursprung letztlich in den jahrhundertealten Stammesrivalitäten. Bei den aus Uganda eingefallenen Soldaten handelt es sich nämlich um Exil-Ruandesen, die vor 30 Jahren aus den blutigen Stammesfehden in die Nachbarländer geflohen, jetzt ihre unerwünschte Rückkehr in die Heimat erzwingen wollen. Am 3. Oktober sind Jens und ich zu Gast auf einem Empfang der deutschen Botschaft in der Hauptstadt Kampala. Gefeiert wird die Deutsche Einheit. In einem Land, das sich gerade mühsam von den überall sichtbaren Folgen zweier mörderischer Diktaturen aufrappelt und aus dem Rebellen ins Nachbarland aufgebrochen sind, um ihre Landsleute zu töten. Welch ein Kontrast! Von einem geeinten Volk kann wohl in kaum einem Land Afrikas die Rede sein.

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