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Die Afrika-Tour - Seite 7 von 11

6. Etappe (Juli/August 1990): Gara Boulai (Kamerun) - Kisangani (Zaire)

Kisangani, im Herzen Zaires und am Ufer des gleichnamigen Stromes gelegen, sieht man die belgische Kolonialzeit an: Wie die Gebäude im ehemaligen Stanleyville sind auch die Beziehungen zwischen Belgien und Zaire im Zerfall begriffen. Die früheren Kolonialherren verlassen, von der Regierung gezwungen, scharenweise das Land. Es herrscht Aufbruchstimmung. In der Hauptstadt Kinshasa wurde die belgische Botschaft geschlossen. Emanzipation einer Kolonie vom Mutterland?
Geld genug hätte der geschäftstüchtige Diktator Mobutu freilich, seinem Land die Unabhängigkeit zu sichern, aber das gibt er lieber für millionenteure Prestigebauten aus oder läßt es auf Schweizer Banken für sich und seinen Familien-Clan arbeiten. Für den Grossteil der Bevölkerung spielt das kaum eine Rolle. Die Dschungelbewohner leben von der Hand in den Mund, das winzige bisschen Geld, das sie auf dem Markt oder als Plantagenarbeiter verdienen, setzen viele unverzüglich in Palmwein und einen aus Mais und Manjok destillierten, 50 Prozent starken Alkohol um.

Wie immer, wenn ich, wie auf der amerikanischen Missionsstation in Kamerun, für ein paar Tage die Beine unter einen gedeckten Tisch gestreckt hatte, musste der innere Schweinehund erst zur Weiterfahrt überredet werden. Problemlos passiere ich die Grenze zur Zentralafrikanischen Republik, wenn man davon absieht, daß mir die Uniformierten mit Verzögerungstaktiken und dummen Fragen ein paar Scheine zur Beschleunigung des Abfertigungsvorgangs aus der Tasche zu ziehen versuchen. Aber Zeit ist Geld im umgekehrten Sinne als bei uns - und da ich die habe, gehen die Geldgeier leer aus. Die Savannenpiste in die Hauptstadt Bangui über das zentralafrikanische Plateau nimmt sich, verglichen mit der durch Kamerun, wie eine Autobahn aus. Wenn es hier, wie zur Zeit oft, regnet, dürfen Lkw nicht mehr passieren, und das sieht man der Piste natürlich an. Von einem deutschen Radfahrer, der - malariakrank - auf einem Lkw meine Route passierte, ist die Rede. Wer mag das wohl sein? In Bangui bekomme ich die Antwort. Während ich einen Polizisten auf Geldsuche, der mich wegen einer hier vollkommen üblichen falschen Einbahnstrassenbenutzung aus dem Verkehr zieht, mit dem gewünschten Schmierbetrag ruhigstelle, höre ich plötzlich meinen Namen aus dem Stimmengewirr heraus. Hinter mir steht Jens aus Kelkheim, wieder gesund und bereit für eine zweite gemeinsame Etappe, die Durchquerung Zaires.

Überquerung des Unbangui nach Zaire

Nach einer ausgedehnten kulinarischen Pause im Gästehaus der französischen Volontäre setzen wir, die beiden schweren Räder gut ausbalanciert, in einer schmalen Piroge über den Ubangui über. Die zairischen Grenzer am anderen Ufer sind in ihren Bestechungswünschen unerbittlich. Wir zahlen brav, und Jens bekommt darüber hinaus eine offiziell nicht benötigte Choleraimpfung zum Spottpreis von ein paar Mark verordnet - auf dem Papier! Korruption als Ausweg aus der finanziellen Misere. Was jetzt an Piste durch den dichten Zaire-Dschungel folgt, läßt sich kaum beschreiben. Wenn nicht riesige Schlammlöcher den Weg versperren, zwingen uns kilometerlange Weichsandstrecken aus dem Sattel. Bei Temperaturen um 32 Grad und über 95 Prozent Luftfeuchtigkeit ein schweißnasses Vergnügen. Oft genug allerdings sind wir mit dem Rad besser dran als unsere motorisierten Straßenkollegen. Brücken mit atemberaubender Aussicht auf den Fluss durch fehlende Bretter hindurch hindern uns ebensowenig wie vom Regen weggespülte Pisten an der Weiterfahrt.

Sandpiste im Regenwald Zaires

Durch einen Fluss, dem die Strasse offensichtlich im Wege stand, tragen wir unser Hab und Gut einfach auf die andere Seite, wo die Fahrzeuge schon mehrere Tage auf den Bautrupp warten. Bemerkenswert dabei ist die stoische Ruhe der Menschen, mit der Miseren wie diese ertragen werden. Als ich einmal, Schlimmes befürchtend, an einem übel zugerichteten Unfall-Lkw vorbeiradle, traue ich meinen Augen kaum: Statt der erwarteten Verletzten finde ich im ungestürzten Anhänger, von dem aus das Führerhaus steil in den Himmel aufragt, die Besatzung teetrinkend und in guter Stimmung vor. In aller Seelenruhe wartet man auf ein Wunder und nutzt die Zeit zu friedlicher Betrachtung der Szenerie. Der Begriff "Zeit" scheint in Zaire eine noch geringere Rolle zu spielen, als anderswo in Afrika: "Gestern" und "heute" werden in der lokalen Sprache Lingala mit ein und demselben Wort "lobi" übersetzt. Besser läßt sich afrikanisches Zeitgefühl nicht beschreiben. Die Essensversorgung in Zaire ist nicht einfach, viele Kilometer liegen zwischen den Dörfern, wo wir dann zwischen Manjokfrüchten, Sardinendosen, Bananen oder solchen Delikatessen wie lebenden Würmern und Raupen oder toten Affen wählen können. Um so angenehmer die gelegentlichen Aufenthalte auf Tee- und Kaffeeplantagen, die wir passieren. Auf einer belgischen Plantage erholen wir uns gleich mehrere Tage zwischen Swimmingpool und Essenseinladungen. Und das mitten im Dschungel! Weniger Glück haben wir mit einigen katholischen Missionen in Zaire, die den Grundsatz der Nächstenliebe vergessen haben und zwei müden, verschwitzten Radfahrern kurzerhand die Tür vor der Nase zuschlagen.

Der Monat geht für mich in Zaire etwas traurig zur Neige: Als Jens und ich morgens im Zelt in einem winzigen Dorf an der Straße aufwachen, fehlen meine beiden wichtigsten Gepäcktaschen mit Fahrradersatzteilen, Medikamenten, Kleidung und - noch schmerzlicher - einigen Filmen. Eine vom "Chef de Village" eingeleitete Militärsuchaktion im Dschungel bleibt erfolglos. Die Verdächtigen erscheinen mit Seilen gefesselt und halbnackt zum Verhör. Nachts hören wir Schläge und Schreie. Ein schlimmes Erlebnis. Das Militär ist nicht gerade zimperlich und meistens betrunken.

Seit Tagen schon warte ich in Kisangani auf das Schiff, das Jens von Bumba aus den Fluß hinauf nehmen wollte, während ich den Landweg mit dem Rad wählte. Die blauen Flecken an meinen Beinen und Schultern rühren von einem Sturz her, den mir ein kleines Ferkel von rechts beschert hatte. Angeblich hat das Schiff wegen Niedrigwasser Probleme, ein anderes Mal heisst es, an Bord sei jemand gestorben und man warte das Begräbnis ab. Die Uhren gehen eben anders in Afrika. "Lobi" heißt übrigens auch "Auf Wiedersehen". Also, Lobi!

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