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Die Afrika-Tour - Seite 6 von 11

 5. Etappe (Juni/Juli 1990): Benin City (Nigeria) - Gara Boulai (Kamerun)

Es regnet jetzt immer häufiger, ich nähere mich dem "Regenloch" Afrikas, Nordwest-Kamerun. Nachdem mehrere Telefonversuche nach Deutschland zur Ersatzteilbeschaffung trotz redlicher Bemühungen zweier maiskolbenkauender Telefonistinnen fehlgeschlagen sind, habe ich bei einem italienischen Strassenbauunternehmer in Enugu mehr Glück: Von seiner Villa aus bekomme ich problemlos eine Funkverbindung mit einem deutschen Funkamateur zustande, der mich über Telefon weiter zu meiner Mutter, dem "Back up Team" in Bad Soden verbindet, so dass demnächst fällige Verschleissteile auf den Weg zu meiner nächsten "Poststation" gebracht werden können.

Nachdem ich einen diskutierwütigen Zeugen Jehovas erfolgreich in die Flucht geschlagen habe, verlasse ich das unsichere Nigeria und tauche in den Dschungel des ehemals teilweise deutschen Kamerun ein. Mit den latenten Angstgefühlen der letzten Wochen lasse ich auch den Asphalt fürs erste hinter mir, das Verkehrsnetz Kameruns besteht bis auf wenige geteerte Ausnahmen zwischen den zwei grossen Städten Douala und Yaoundé aus mehr oder weniger guten Pisten, einer Eisenbahnlinie, die irgendwo im Dschungel endet, sowie der nationalen Fluglinie.
Mein Weg führt mich auf einer der weniger guten Pisten, die sich nach mehrtägigen Regenfällen mühelos in die Kategorie "unpassierbar" einstufen läßt, durch den feuchtnebligen, bergigen Regenwald. Ausser den Moskitos verfolgen mich in jedem der kleinen Dörfer entlang der Schlammpiste die neuesten Meldungen von der Fussball-WM: Deutschland kommt ins Halbfinale und viel wichtiger - Kamerun verliert gegen England. Ein einziger grosser Aufschrei geht nachts durch Mamfé, ein Dorf im Dschungel, wo ich ein nettes Quartier bei einer norddeutschen Entwicklungshelfer-Familie gefunden habe.
Das Thema Fussball ist damit aber keineswegs erledigt, in den folgenden Tagen schlachtet die Regierung im Fernsehen mit immer wieder gleichen Bildern von der Ankunft der "Helden" in der Hauptstadt das sensationelle Abschneiden der Kameruner für ihre Zwecke aus. Daß die dann im Endspiel für die Deutschen sind, versteht sich von selbst, und ich kann nach dem Sieg Deutschlands einen gewissen Zugewinn an Ansehen bei den Einheimischen feststellen.

Dorfbewohner in Kamerun helfen beim Säubern des Rads

Mein Aufkreuzen in den verstreut liegenden Dörfern bewirkt jedesmal einen Kollaps des öffentlichen Lebens, wobei meistens die Frage im Vordergrund steht, ob sich die Deutschen mit der Wiedervereinigung derart verausgabt haben, dass man mir statt eines Autos nur ein Fahrrad zur Verfügung stellen konnte. Dass die Reise ein freiwilliges, unbezahltes Unternehmen ist, vermag ich den Dorfbewohnern nicht plausibel zu machen.
Die bambusgedeckten Lehmhäuser sind zwar äusserst robust, aber nicht immer ganz wasserdicht. Eine Nacht verbringe ich überwiegend damit, mit Matratze und Moskitonetz auf der Suche nach einer trockenen Stelle den Lehmboden auf- und abzuwandern. ln Limbe, sehr schön zwischen dem über 4000 Meter hohen Mount Cameroun und Atlantik gelegen, bin ich zu Gast bei einem irischen Teeanbauer, der mir stolz seine Teefabrik in etwa 1000 Metern Höhe vorführt. Nie hätte ich geglaubt, von wieviel Faktoren die Qualität des Endprodukts abhängig ist.

Auf eine Besteigung des Mount Cameroun muss ich wegen des Dauerregens leider verzichten, aber ich habe das seltene Glück, den gewaltigen Bergrücken wenigstens kurz aus den alles verhüllenden Wolkenmassen aufragen zu sehen. Mit einem Bad im Meer nehme ich für voraussichtlich längere Zeit Abschied vom Salzwasser.
Wegen politischer Unruhen in Gabun sowie unsicherer Regenzeiten in Süd-Zaire habe ich meine Route geändert: Ich werde jetzt durch die Zentralafrikanische Republik, Nord-Zaire und Uganda quer hinüber nach Kenia und dann über das mir wärmstens empfohlene Tansania nach Sambia und Südafrika radeln.

Piste im Regenwald West-Kameruns

Im Dauerregen Westkameruns wird das Schlammbad nach ein paar Tagen zur Routine. Während Lastwagen und schwere Pkw rechts und links der Steigungen hilflos in den Urwald rutschen, trage und ziehe ich mein Rad durch den knietiefen Morast. Mehr als 80 km am Tag sind da kaum mehr drin, aber die vollgestopften Busse sind auch nicht viel schneller, zumal die lnsassen an jeder Steigung das meist fensterglaslose Gefährt verlassen müssen, um es mit vereinten Kräften die spiegelglatte Lehmpiste hinaufzuschieben oder aus einem Schlammloch herauszuzerren.

Das Gegenstück zur Schlammschlacht finde ich in der Savanne Ostkameruns. Die kurze Trockenperiode im Juli verwandelt die Pisten hier in endlose Staubfelder, und jedesmal, wenn sich ein rasender Lkw mit einer langen Staubfahne in der Ferne ankündigt, flüchte ich in die seitlichen Büsche, bis Sicht und Fahrt wieder frei sind.

Ich sitze vor einem der gemütlichen Backsteinhäuser der amerikanischen Misson in Gara Boulai, einem staubigen Nest kurz vor der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. lm Süden kündigt sich grollend das übliche Abendunwetter an, und vor dem Speisekammergitter turnen hungrig die Affen auf und ab. Kamerun ist ein faszinierendes Land, aber die Probleme sind unübersehbar. In der Hauptstadt Yaounde haben die öffentlich Angestellten seit vier Monaten keinen Lohn mehr gesehen, die Banken rücken nur noch kleine Geldmengen heraus, da jeder versucht, an sein Geld zu kommen, solange noch welches da ist.
Der belgische Botschafter erzählt mir bei einem Abendessen gar von Evakuierungsplänen für Ausländer. Die Situation ist brenzliger als es auf den ersten Blick aussieht, die Menschen sind unzufriedener denn je.

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