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Die Afrika-Tour - Seite 5 von 11

4. Etappe (Mai/Juni 1990): Lome (Togo) - Benin City (Nigeria)

Es ist mir nicht leicht gefallen, mich von Lomé aus wieder auf den Weg zu machen. Zu verlockend ist das Leben in dieser sympathischen Stadt zwischen Hotel, Strand, Supermarkt und Disco. Auch haben mir die ständigen Warnungen vor Überfällen in Nigeria die Weiterfahrt dahin wenig schmackhaft gemacht.

Immer an der Küste entlang, radele ich schliesslich jetzt endlich mit dem wohlverdienten Rückenwind in Richtung Osten nach Benin zurück. In der Lagune von Cotonou, dem wichtigsten Hafen im Land, gibt es einige sehr schöne Pfahldörfer, die nur mit dem Kanu erreichbar sind.

Die in Lomé schwarz getauschte Landeswährung sicher im Sattelrohr verwahrt, passiere ich zwei Tage später problemlos die nigerianische Grenze. Wie immer staunen die Beamten ungläubig, und der Stempel landet wie von selbst an der richtigen Stelle im Pass. Die unzähligen Polizeikontrollen an der Strecke bediene ich nach bewährtem Muster mit einem kurzen Standardbericht und erhalte daraufhin freie Fahrt.

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Die allerdings hat in der Hauptstadt Lagos erst einmal ein jähes Ende. In diesem wahren Hexenkessel aus Dreck, Schlamm, Gestank und Verkehr dauert die Rush-hour zwölf Stunden lang - und ist dann auch nur deshalb vorbei, weil sich nachts kaum einer auf die Strassen traut. Durch das Ölgeschäft ist das soziale Gefälle stark angewachsen, und das hat die Kriminalitätsrate gewaltig in die Höhe getrieben. Über ein System von Hochbrücken fahre ich ins Zentrum der Millionenstadt. Zusammen mit Scharen fliegender Händler zwänge ich mich durch den überall stehenden Verkehr, muss dabei ständig Gepäck und Autos im Auge behalten und unechte Rolex-Uhren, Klopapierrollen und andere nützliche Dinge abwehren, die sich mir lockend entgegenstrecken. Riesige Wanduhren und bunte Globen wandeln auf der Suche nach Käufern hastig von Autofenster zu Autofenster. Ein dreistündiger Dauerregen verwandelt die Innenstadt von Lagos in ein wahres Venedig. Bis zu den Knien im Wasser, Schuhe und Aktentasche auf dem Kopf, versuchen Bankangestellte und Geschäftsleute ihren meist höher gelegenen Arbeitsplatz zu erreichen. Überschwemmungen gehören in Lagos zur Tagesordnung. Auf der Post ragen Tische und Schränke hoch aus dem Wasser, so daß der normale Schalterbetrieb weitergehen kann. Ich hole meine Post ab. Zwischen meinen Beinen schwimmen kleine Fische. Es ist unglaublich... Beeindruckt von der Vielfalt deutscher Stempel in einem völlig wertlosen Zollpapier, das ich aber zu diesem Zweck mitnahm, stellt mir der Sekretär der Kamerun-Botschaft das Visum sofort aus, und ich verlasse fluchtartig Lagos noch am selben Tag. Ich gehorche allerdings den Warnungen und verzichte auf Nachtfahrten, die bei Tagestemperaturen um 30 Grad Celsius auch nicht mehr nötig sind. Die autobahnähnliche Strasse führt jetzt durch dichten, sumpfigen Regenwald, alle 30 bis 40 Kilometer taucht ein kleines Dorf in einem gerodeten Stück Wald auf. Unterkunft finde ich entweder bei den gastfreundlichen Einheimischen oder aber bei einer der vielen weissen Einwanderern, die in Nigeria leben und arbeiten. So kann ich eine Malaria, eine von infizierten Moskitos übertragene unangenehme Fieberkrankheit, in aller Ruhe im wohlklimatisierten Haus eines betuchten Libanesen auskurieren. Auf den Doktor verzichte ich nach einem flüchtigen Blick in das Behandlungszimmer. Das ausgezeichnete libanesische Essen bringt mich nach einigen Tagen auch so wieder auf die Beine. Noch ein unangenehmes Erlebnis: Als ich eine Brücke über einen der unzähligen Flüsse im Süden Nigerias passiere, sehe ich etwas im Wasser treiben, das sich bei näherem Hinsehen als ein Toter entpuppt. Ich erhalte aber den dringenden Rat, den grausigen Fund nicht zu melden, da man schnell in die Sache hineinverwickelt werden könne. So bleibt mir nur die bittere Erkenntnis, daß ein Menschenleben hier scheinbar nicht viel zählt. Wertlos scheinen auch Begriffe wie Ort, Entfernung, Richtung und Zeit. Oft höre ich an der Strasse, im Restaurant oder an Tankstellen von einem anderen Radfahrer aus Deutschland, dessen Geschichte entlang der Route die Runde macht - und ich bin mir nicht sicher, ob ich da nicht meine eigene erzählt bekomme. Aber selbst wenn - ich hoffe, sie liest sich auch in dieser vierten Etappe noch spannend.

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