2. Etappe (März/April 1990): Tunis - Tamanrasset (Algerien) Tamanrasset. 1400 Meter hoch und daher angenehm kühl. Der Kilometerzähler steht auf
5650 km. Der grösste Teil der algerischen Sahara liegt hinter uns. Allerdings nicht der schwierigste, denn bis zur Grenze zum Niger sind es noch 400Kilometer - Sandpiste!Von Tunis aus sind Jens und ich Ende März in Richtung Sahara aufgebrochen. April, das ist der Monat des Ramadan, und das bedeutet für einen guten Moslem 30 Tage lang Fasten bis nach dem
19-Uhr -Gebet, für uns hungrige Radfahrer leider auch. Glücklicherweise wurden wir oft von mitfühlenden Algeriern hinter geschlossenen Türen zum Esseneingeladen - ein seltsames Gefühl, in Gegenwart der fastenden Gastgeber mit mühsam unterdrückter Gier die dringend benötigten Kalorien zu tanken. Im Norden fuhren wir immer in Küstennähe, bis zu dem wenig einladenden algerischen Badeort Annaba. An der algerischen Grenze erinnern Mindestumtauschzwang und Devisenerklärung an die alten innerdeutschen Zeiten. Die für den Schwarzmarkt bestimmten Devisen wandern sicherheitshalber vorher ins Sattelrohr. Sehr viel schöner als Annaba liegt Constantin, von einer wilden Schlucht umgeben, uneinnehmbar fast auch für uns, hoch oben auf einem Berg. Kurz vor der 1800 Meter hohen Passhöhe über das "Massif de Aures" liegt Timgad, eine der besterhaltenen Römersiedlungen Nordafrikas, die es leicht mit Pompeij aufnehmen kann. Wo einst römische Marktfrauen um ihre Waren feilschten, wechselten jetzt im Schutz der Säulen unsere Devisenreserven aus dem Sattelrohr zum vierfachen Kurs den Besitzer. Andere Algerier setzten die Devisenjagd mit dem Auto fort, man wird sie als Radfahrer nur schwer wieder los. Das gleiche gilt für die Kinder, die ihrer Forderung nach dem Kugelschreiberobulus mit Steinwürfen Nachdruck verliehen.
Durch den tief eingeschnittenen Rhoufi-Canyon, an dessen Wänden die Häuser zweier Oasen wie Balkone kleben, ging es bei Biskra endlich in die Wüste, endlos weit
und - amAnfang - ebenso flach. Leider ist der April nicht nur der Fastenmonat, sondern auch der der Sandstürme. Nachdem uns beide die obligatorischen Durchfälle aus dem Verkehr gezogen und wir uns in der Oase El Meghain bei einem äusserst gastfreundlichen Englischlehrer kuriert hatten, traf uns ein solcher Sturm mit voller Wucht. Wir konnten uns gerade noch in eine einsame Herberge retten, der Sand verfolgte uns bis durch die Türritzen. Das nächste Mal trafen wir es nicht mehr so gut. Auf dem sogenannten Tademait-Plateau, "Garten des Satans", einer200 km langen, schwarzen Hochfläche, die den Namen zu Recht trägt, wurde der Tag plötzlich zur Nacht. Kein Schutz vor dem aggressiven Sand weit und breit, dazu eine Piste, deren Spur sich im Sandsturm verlor. Ebenso rasch war der Spuk vorbei, wir hatten die Spur glücklicherweise nicht aus den Augen verloren. In den folgendenTagen - hinterIn Salah - bekamen wir den Sand noch oft zu spüren, schlimmer war aber auf Dauer der Gegenwind, der uns oft die letzten physischen und vor allem psychischen Kräfte raubte. Wegen der starken Hitze machten wir jetzt mittags öfter Pause, meist unter einsamen Bäumen in einemOued - einemTrockental - oder unter einem Bauwagen der algerischen Armee, die den Ausbau der Strassen und Pisten in Angriff genommen hat.Problematisch wurde es mit den Wasserreserven: Hinter EI Golea gibt es Abschnitte von über
200 km ohne Wasser und ohne jede Versorgungsmöglichkeit. Da kamen uns gelegentlich Lkw-Fahrer und Touristen zu Hilfe, die ihre Vorräte mit uns teilten.
Sogar ein Rahmenbruch an meinem Rad liess sich mitten in der Wüste beheben! Nach einem halben Tag Warten auf die vom Sandsturm lahmgelegte Stromversorgung schweisste ein devisenhungriger Algerier den Untersatz in einer winzigen Oase gründlich wieder zusammen. 1800 Kilometer durch die Wüste, das ging oft bis an die Grenzen des Möglichen, aber es gab auch viele Momente und Anblicke, die dafür reichlich entschädigten: Mit einem der vielen Deutschen, die ein Auto in den Niger fahren, um es dort zu verkaufen, "Autoschieber" genannt, machte ich auf einer abenteuerlichen Piste einen Ausflug ins benachbarte Hoggar-Gebirge auf den
2700 m hohen Assekrem. Die durch extreme Sandstürme, Kälte, Hitze und Regen herrschende rasende Erosion hat von erloschenen Vulkanen zahllose steil aufragende Basalttürme und Felsnadeln übriggelassen, die eine fast tote, wunderbar bizarre Landschaft prägen. Jens und ich trennen uns in Tamanrasset: Nach der Sahara hat jeder seine eigene Route durch Afrika. Einer der heissesten Punkte der Erde, die Sahel-Zone, ewartet uns mit Spitzentemperaturen von bis zu 50 Grad im Schatten. Aber dann ist auch der kühlere Golf von Guinea nicht mehr weit.
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