vorherige Seite   nächste Seite

 
Die Afrika-Tour - Seite 2 von 11

1. Etappe (März 1990): Bad Soden - Tunis

Es ist schon ein bisschen heiß in der Sonne. Mit überdosiertem Selbstvertrauen und ebensolcher Akustik nutzt ein Taxifahrer eine Lücke in dem dreieinhalbspurigen Verkehrschaos auf der Kreuzung. Von Zeit zu Zeit macht ein Uniformierter gelassen Handzeichen in verschiedene Richtungen. Eine bis auf die Augen verschleierte Frau mit Hausschlappen und Kind auf dem Arm versucht zum dritten Mal das schlechte Gewissen der Anwesenden in ein paar Dinare umzumünzen. Vom Minarett einer nahen Moschee dröhnt ein Klagegesang herüber. Ich sitze in einem Café am Boulevard Bourguiba, der Prachtstrasse von Tunis, das Fahrrad immer in Sichtweite.

Etwa 2700 Kilometer und 16 Tage liegen jetzt seit Bad Soden hinter mir. Strahlendes Wetter hatte die Alpenüberquerung zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht, wenn auch durch zahlreiche Wintersperren nur der fast 2300 Meter hohe Julier-Pass dafür in Frage gekommen war. Die endlosen Serpentinen des Maloja-Passes hinunter nach Italien, in der Frühlingssonne am Comer See entlang fuhr ich nach Mailand, wo ich nach dreistündiger Suche ein Doppelzimmer mit Gangdusche fand, wahrscheinlich das letzte in der ferienüberfüllten Stadt. In jedem Fall eine Wohltat nach fünf mehr oder weniger kalten Zeltnächten. Viel Zeit blieb angesichts des straffen Zeitplans nicht für die Stadtbesichtigung, weiter ging es über den Apennin an die Riviera di Levante und nach Pisa, wo der Turm inzwischen so schief ist, daß er geschlossen wurde. Aber auch so ist die grüne Mitte Pisas mit Turm und Kathedrale eine der schönsten Plätze, die ich je sah. Nächste Station: Rom. Den unzähligen Beschreibungen der Ewigen Stadt lässt sich schwerlich etwas Neues hinzufügen, mich faszinierte das Leben in und um die Cafes und Bars herum, das, besonders in der Via Veneto, auch in der Nacht nicht abreisst. Die piniengesäumte Via Appia führt mich direkt in das laute Smogzentrum Neapel mit dem besten Espresso der Welt in der Bar "Mexico" am Piazza Dante. Gestank und Krach lasse ich erst in Salerno hinter mir. Ein kurzer Ausflug aus der Hölle aus Schlaglöchern, Wäscheleinen und kreischenden Kindern, mit falschen Hinweisschildern auf die Autobahn endet kläglich an der ersten Zahlbarriere. Die blühende kalabrische und später sizilianische Küste zwischen Messina und Palermo entschädigt dafür mit atemberaubenden Ausblicken auf Felsen, Strand, und lebhaften italienische Küstenstädtchen, die allerdings mit einem anstrengenden, ständigen Auf und Ab immer wieder "verdient" werden müssen. Das beste am März: Keine Touristen. Und trotz der Jahreszeit nur einen Tag Regen, ich hatte wirklich unwahrscheinliches Glück.
Nachdem ich mich in Palermo unter den ungläubigen Blicken dutzender Sizilianer mit in Afrika nicht zu bekommenden Ersatzketten eingedeckt und zum Erreichen der nur wöchentlich verkehrenden Fähre Trapani - Tunis eine Tag- und Nachtschicht von 350 km eingelegt hatte, treffe ich morgens auf dem Schiff Jens, einen jungen Mann aus Kelkheim, den ich zufällig beim Impfen in Frankfurt kennengelernt hatte. Wir hatten uns damals locker verabredet und stärken uns nun schon fast eine Woche mit den unwiderstehlichen Kuchen, Croissants und Pizzataschen für die nächste Etappe, die wir zusammen in Angriff nehmen wollen: Die algerische Sahara. Die Preise für diese Kalorienspritzen sind, wie auch das Hotel, geradezu unverschämt billig. Für unser Zimmerchen mitten in der Medina, einer Gefängniszelle nicht unähnlich, zahlen wir etwa 12 Mark, dafür teilen sich Dusche und WC einen gemeinsamen Abfluss. Der kulturelle Teil des Aufenthalts in der tunesischen Hauptstadt war dagegen eine glatte Enttäuschung. Die Zerstörung Karthagos durch die Römer war so gründlich, daß die Touristen etwas verloren zwischen den wenigen Trümmern nach Überresten der einst blühenden Hafenstadt suchen. Ein etwas weiter landeinwärts gelegenes Amphitheater besteht mit einer verwahrlosten Freilichtbühne mehr aus Betonrekonstruktionen denn aus originalem Baumaterial. Antiker scheinen da schon die Münzen, die uns, kunstvoll auf alt gemacht, am Eingang aufgedrängt werden.
Vom Turm der Moschee ruft plärrend ein Lautsprechergesang zum Gebet. Zeit für einen neuen Cafe áu lait.

zur Download-Seite      zum Seitenanfang      weiter